Zur Abwechslung mal Französisch?

Verglichen mit Frankreich ist Stuttgart nur ein laues Lüftchen. Schon seit mehreren Wochen protestieren die Franzosen gegen die geplante Rentenreform. Sie kämpfen gegen den Versuch von Präsident Nicolas Sarkozy, ihre Rentenbeiträge zu erhöhen und die volle Rente erst ab 67 Jahren zu zahlen. Diese Maßnahmen stehen als Hauptsymbol dafür, dass die Reichen die abhängig Beschäftigten für die Krise zahlen lassen wollen. Beschäftigte und Schüler wehren sich mit Massenstreiks und Demonstrationen an denen 3-4 Millionen Franzosen teilnehmen. Die Breite der Bewegung zeigt sich u.a. daran, dass selbst in relativ kleinen Provinzstädten Tausende zu den Demonstrationen zusammenströmen.
Besonders hervorzuheben ist insbesondere, dass der Protest auch von vielen Schülerverbänden unterstützt wird. Fast 1.000 der 4.300 höheren Schulen sind in den Streik getreten, 600 werden blockiert. Die junge Generation weiß bei 25% Arbeitslosigkeit und fast nur noch befristeten, Teilzeit- oder Eingliederungsjobs vor Augen, was der Druck zur Ausweitung der Lebensarbeitszeit durch die Rente ab 67 bedeutet: No Future – gleichgültig für welche Qualifikationsstufe.

Eine ähnliche „rosige“ Zukunft steht auch den in Deutschland lebenden Jugendlichen bevor.
Wer meint, ein Berufsabschluss oder ein Hochschulabschluss sorge dafür, dass man auch gut bezahlt wird und von seiner Arbeit leben kann, der irrt gewaltig.
Die Formel: “Die nächste Generation lebt immer besser als die vorherige” gilt schon lange nicht mehr. Der Niedriglohnsektor beschränkt sich schon lange nicht mehr auf unqualifizierte oder gering qualifizierte Arbeitskräfte. Beschäftigte ohne abgeschlossene Berufsausbildung stellen 2007 nur noch knapp 21% aller Niedriglohnbeschäftigten. Der Anteil der Niedriglohnbeschäftigten mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung hat sich deutlich erhöht von 58,5% im Jahre  1995 auf 70,8% im Jahre 2007.
Auch mit einer akademischen Berufslaufbahn ist man vom Niedriglohnsektor betroffen. Denn je größer der Niedriglohnsektor und je geringer der Durchschnittslohn, desto mehr Druck wird auch auf reguläre Löhne ausgeübt. Außerdem sind mittlerweile schon 7,6% der Hochschulabsolventen im Niedriglohnbereich REGULÄR tätig. (Also keine Ferien-, Studenten- oder Teilzeitjobs, sondern zum Erwerb ihres Lebensunterhaltes).
Diese Tendenz der Prekarisierung der qualifizierten Schichten wird weiter zunehmen. Der Bachelor-Master Studiengang tut sein Übriges.

Und nun die Gretchenfrage. Warum passiert in Deutschland nichts dagegen? Warum probieren wir es nicht mal Französisch?
Liegt es daran das Wir „Französisch“ einfach nur falsch verstehen und alles schlucken, was die Regierung uns aufbrummt?
Wahrscheinlich.

Auf die Frage, warum die Franzosen politisch frecher und freier seien als die Deutschen, antwortete Ernst Bloch einmal: „weil sie den Kopf eines Königs haben rollen sehn“
Das mag ein wichtiger Grund sein, nur nachholen kann man diese Erfahrung nicht mehr, wir sind knapp 100 Jahre zu spät. Könige gibt’s nicht mehr. (Höchstens schwarze Barone aus Franken). Wir haben aber zumindest die Möglichkeit politisch Köpfe rollen zu lassen und so die gesellschaftlichen Verhältnisse zum tanzen zubringen. Dafür müssten wir uns aber erstmal bewegen. Zu viele RentnerInnen, Hartz-IV-EmpfängerInnen, SchülerInnen, Studierende und Arbeitende lassen sich gegeneinander ausspielen und gehen politisch nur zum Wählen vor die Türe. Aber damit kommen wir nicht weit. Unsere Regierung wird nur Französisch verstehen! Es wird also Zeit, dass Wir es lernen. Das können wir aber weder in der Schule noch im Bett, sondern nur auf der Straße! In diesem Sinne hinaus zum Heißen Herbst!

Tags: , , , , ,

Einen Kommentar schreiben

-->